Montag, 5. Dezember 2011

Legal Disruptors

Ich beabsichtige in diesem Blog eine Reihe kurzer Posts zu veröffentlichen, welche jeweils einen Legal Disruptor vorstellen. Ein Legal Disruptor ist ein Anbieter im Rechtsmarkt, welcher mit neuen, innovativen Konzepten das traditionelle Anwalts-Modell der eins-zu-eins Rechtsberatung herausfordert. Typischerweise bedient sich der Disruptor dabei moderner Technologien (disruptive legal technologies), welche es erst ermöglichen solche Konzepte umzusetzen.

Beispiele hierfür sind Legalzoom, Epoq Legal oder kiiac (beschrieben in diesen zwei Posts: kiiac und Legalzoom/Epoq). Weitere Beispiele von Legal Disruptors finden sich im Bericht über die Legal Futures Konferenz.

Disruptor lässt sich auf das lateinische Verb dis-rumpere zurückführen, welches mit zum Erliegen bringen, stören übersetzt werden kann. Ich habe den Begriff Disruptor aus dem sehr empfehlenswerten Blog Law21.ca von Jordan Furlong übernommen. Im August veröffentlichte Furlong dort einen Post mit dem Titel Here come the disruptors und folgendem Zitat aus einer Pressemeldung von LawPivot:
There are inefficiencies in the delivery of legal services, and there is a huge opportunity for a technology-driven disruption in the legal industry. 
Wie in diesem Zitat erwähnt, ist die Erfindung oder Verwendung von disruptiven Technologien entscheidend. Gemäss Wikipedia ist eine disruptive Technologie
eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt.
Meines Wissens wurde der Begriff der disruptiven Technologie von Clayton M. Christensen geprägt. Christensen hat dieses Thema und die zugrunde liegende Problematik in dem 1997 erschienen und sehr bekannten Buch The Innovator's Dilemma untersucht. Disruptive Technologien zeichnen sich dadurch aus, dass sie anfangs gegenüber etablierten Produkten unterlegen sind. Die Anbieter etablierter Produkte tendieren deshalb dazu, diese nicht ernst bzw. überhaupt nicht wahrzunehmen. Die exponentielle Entwicklung im technologischen Bereich führt jedoch dazu, dass diese Produkte sehr rasch zu den etablierten Produkten aufholen und so die alten Anbieter vom Markt verdrängen.

In seinem Buch The End of Lawyers? beschäftigt sich Richard Susskind ausführlich mit dem Thema disruptive legal technologies.  Susskind verweist auf Christensen und erklärt wieso er der Überzeugung ist, dass dessen Konzept disruptiver Technologien auch im Markt für Rechtsdienstleistungen Gültigkeit hat. Nach Ansicht von Susskind sind diese disruptiven Technologien eine gravierende Bedrohung für das traditionelle Anwaltsgeschäft. Anwaltsfirmen, welche dies ignorieren müssen damit rechnen vollständig aus dem Markt gedrängt zu werden.

In seinem Buch listet Susskind die folgenden 10 disruptiven Technologien auf:
  1. Automatische Dokumenterstellung (Automated Document Assembly)
    Systeme bei denen der Benutzer Informationen in ein Formular eingibt und die aufgrund dieser Informationen dann automatisch entsprechende Dokumente generieren.
  2. Ständige On-Line Verfügbarkeit (Relentless Connectivity)
    Dank Smartphones, Tablets, Wireless und immer besser ausgebauten mobilen Datenservices ist man jederzeit und überall erreichbar. Die Arbeit kann unabhängig von Ort und Zeit verrichtet werden und ist nicht mehr auf Büro-Örtlichkeit und -Zeiten beschränkt.
  3. Online Plattformen für Rechtsdienstleistungen (Electronic Legal Marketplace)
    Susskind führt hier Preisvergleichs- und Bieterplattformen als Beispiele auf.
  4. E-Learning
    Wie sehr Technologie die Lernmethodik verändern kann zeigt das Beispiel der Khan Academy. Die Khan Academy stellt eine Plattform zur Verfügung mit welcher Schüler den Stoff, welcher früher Lehrer im Frontalunterricht lehrten, selbständig anhand von kurzen YouTube Videos lernen. In der Schule konzentrieren sich dann die Lehrer darauf, das Erlernte in Übungen umzusetzen, wobei sie anhand der Plattform für jeden Schüler individuell erkennen können, wie es um dessen Lernfortschritt steht. Hier befinden wir uns erst am Anfang einer Entwicklung, welche auch die Aus- und Weiterbildung im juristischen Bereich fundamental verändern wird.
  5. Online Rechtsauskunft (Online Legal Guidance)
    Sozusagen ein virtueller Anwalt bzw. eine Plattform, die juristisches Know-how enthält, welches automatisiert, ohne menschliche Intervention, abgerufen werden kann.
  6. Frei zugängliche Online-Rechtsinformationen (Legal Open-Sourcing)
    Idee einer Plattform in der Art von Wikipedia, die juristisches Wissen frei und für jedermann zugänglich zur Verfügung stellt und deren Inhalt von freiwilligen und ehrenamtlichen Autoren zur Verfügung gestellt wird (Crowd-Sourcing).
  7. Geschlossene Online Netzwerke (Closed Legal Communities)
    Netzwerke, welche nur für Mitglieder zugänglich sind. Bekanntestes Beispiel ist hier Sermo, eine US Online Plattform ausschliesslich für Ärzte mit 120'000 Mitgliedern. Gemäss eigener Einschätzung hat Sermo die Art und Weise revolutioniert, wie Ärzte in den USA zusammenarbeiten und Informationen austauschen.
  8. Prozess- und Projektmanagement Software (Workflow and Project Management)
    Im November hat Asana ihr vielbeachtetes Online Projekt Management Tool der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Hinter Asana stecken zwei Prominente Namen aus der IT Branche. Die Ziele sind sehr hochgesteckt: Die Software soll dereinst die zentrale Plattform für Unternehmen werden an der sich alle übrigen Tools und Plattformen ausrichten. Im Visier hat Asana damit Grössen wie Salesforce oder SAP. Das Beispiel zeigt, welches Gewicht Vordenker der IT-Branche Prozess- und Projektmanagement Software geben.
  9. Integrierte Kenntnis von Recht und Gesetz (Embedded Legal Knowledge)
    Die Idee dahinter ist, dass das geltende Recht in Maschinen, Systeme und Prozesse so eingebettet wird, dass diese selbständig erkenne, was erlaubt ist und nicht und entsprechend reagieren. Ein Beispiel ist die automatisierte Erstellung eines Arbeitsvertrags. Der Nutzer einer solchen Plattform muss nur die Daten in ein Formular eingeben und sich nicht darum kümmern, ob der schlussendlich erzeugte Arbeitsvertrag mit dem Gesetzt übereinstimmt. Letzteres wird durch das in der Plattform gespeicherte rechtliche Wissen und Know-how garantiert.
  10. Online Konfliktlösung (Online Dispute Resolution)
    Ist z.B. im Bereich von Domain Names bereits sehr weit verbreitet, die meisten Konflikte Domain Names betreffend werden nicht vor staatlichen Gerichten ausgetragen sondern auf den entsprechenden Plattformen, die von den Domain Registratoren zur Verfügung gestellt werden.

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